Wenn Mütter ihr Kind krank pflegen

Gewalt Die Misshandlung mit Medikamenten ist ein unterschätztes Problem. Viele Opfer werden nicht erkannt. (von Björn Lohmann)

Jasmin Adami (Name geändert) wurde misshandelt: als Kind, als Jugendliche, als junge Frau. Sie wurde nicht das Opfer von Schlägen oder sexuellem Missbrauch, die Gewalt gegen sie war perfider: Ihre Mutter, von Beruf Krankenschwester, verabreichte dem gesunden Mädchen jahrelang das verschreibungspflichtige Neuroleptikum Haldol. –

War die Mutter wirklich überzeugt, dass ihre Tochter krank war? Einen Arzt nach dem anderen suchte sie auf. Das Kind galt als gesund. Weil die Mutter das nicht akzeptieren wollte, griff sie zu ihren eigenen Medikamenten. Die Folgen für Jasmin waren Fieber, Krämpfe und Atemnot, ebenso wie Unruhe-, Angst- und Verwirrtheitszustände. Die Nebenwirkungen der psychoaktiven Substanz Haldol schädigten sie dauerhaft. Heute ist Jasmin 36 Jahre alt und kämpft noch immer darum, endlich als Opfer von Gewalt anerkannt zu werden.

Jasmin ist kein Einzelfall. Unter dem Namen Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom diskutieren Mediziner seit 33 Jahren Fälle, in denen Eltern, meist Mütter mit medizinischem Hintergrund, ihren gesunden Kindern Medikamente verabreichen oder die Kinder krank machen, um Ärzte zu überzeugen, diese zu behandeln. Es gibt kaum Informationen, wie häufig diese Form der Misshandlung vorkommt.

Etwas Licht ins Dunkel bringt eine Studie aus den USA. Von dort berichteten Mediziner im Juli in einem der wichtigsten Fachmagazine für Kindermedizin, dem “Journal of Pediatrics”, über mehr als 1400 nachgewiesene Fälle bei Kindern unter sieben Jahren zwischen 2000 und 2008; 160 vorsätzliche Vergiftungen mit Medikamenten jährlich, an denen 18 Kinder starben.

Für Deutschland hat Michael Krupinski, Leiter der forensischen Psychiatrie der Uniklinik Würzburg, vor drei Jahren versucht, Fallzahlen zu ermitteln. Etwa die Hälfte der 379 Kinderkliniken beteiligte sich an der Datenerhebung. Am Ende standen 91 medizinisch gesicherte und 99 ernsthafte Verdachtsfälle. Damit sei es zwar eine seltene Form der Kindesmisshandlung, aber doch weit häufiger als bisher gedacht.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Wer glaubt einem Kind, das behauptet, seine Mutter würde es vergiften – wenn es überhaupt den Mut aufbringt, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen? Jasmin glaubte lange Zeit niemand. Ärzten fiel die Misshandlung erstmalig auf, als sie sechs Jahre alt war. Sie kam in eine Pflegefamilie. Ein Jahr später durfte ihre Mutter Jasmin wieder zu sich nehmen und gab ihr weiter Haldol. Als sie 15 Jahre alt war, entging Jasmin einer bereits beschlossenen Behandlung in der Uniklinik Tübingen im letzten Moment. Der Verdacht eines Arztes, dass Jasmins Mutter die Krankheit nur vortäusche, rettete sie.

Der “Ärztetourismus” und die Vortäuschung von nicht oder nur schwer nachweisbaren Symptomen oder Erkrankungen, speziell psychischen Krankheiten, sind typisch für das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Ärzte dem Drängen der Eltern nachgeben und Kindern unnötig Psychopharmaka verordnen. Verlangen Eltern für ihre nur leicht auffälligen Kinder Psychopharmaka, sollten Ärzte aufhorchen, rät deshalb der Psychiater Reinhard Plassmann.

Vor allem aber erlaubt die Diagnose einer psychischen Krankheit den Eltern, selbst das volljährige Kind noch zu bevormunden: Vor neun Jahren wurde Jasmin nach einer traumatischen Erfahrung mit schweren Depressionen in die Psychiatrie eingewiesen. Aufgrund von Aussagen der Familie und medizinischen Vorberichten wurde Jasmin wieder mit Haldol behandelt. Selbst als bleibende neurologische Schäden sichtbar wurden, setzten Ärzte die Behandlung fort. Jasmin macht ihre Ärzte in Stuttgart und Tübingen mitverantwortlich für ihren heutigen Zustand. Sie hat Angst, einen weiteren Vorfall dieser Art vielleicht nicht zu überleben.

Doch am meisten belastet Jasmin, dass ihr die Behörden eine Entschädigung vorenthalten, wie sie allen Opfern von Gewalttaten zusteht. Weil man ihrer Mutter keine böse Absicht nachweisen könne, sei diese keine Täterin und Jasmin somit kein Opfer, heißt es sinngemäß beim Versorgungsamt Stuttgart. Dagegen klagt Jasmin, denn schon in den 1990er Jahren entschieden Gerichte, dass es für einen Opferentschädigungsanspruch ausreicht, wenn die körperliche Integrität eines anderen rechtswidrig verletzt wurde – egal aus welchen Motiven.

Zusätzlich verkompliziert die Situation, dass das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom keine anerkannte psychiatrische Diagnose ist. Eltern, die ihre Kinder misshandeln, sollen es nicht vor Gericht verwenden können, um einer Strafe zu entgehen. Denn während Jasmin über das Motiv ihrer Mutter nichts sagen kann, gibt es Fälle, in denen kein Stellvertretersyndrom, sondern eindeutig böse Absicht vorliegt.

Nächste Woche wird Jasmins Fall verhandelt. Vergleichbare Fälle haben Versorgungsämter oft zugunsten der Opfer entschieden – solange in der Krankengeschichte keine Psychiatrie vorkam. Jasmin ist daher nur verhalten optimistisch. Aber sie will kämpfen, für sich und andere betroffene Kinder. Damit die Opfer eine Zukunft und die Misshandlungen ein Ende haben.

Quelle: Stuttgarter – Zeitung

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