Kabarett: “Drei Sekunden Gegenwart”

Claus von Wagner

Foto: Marcus Gruber


“Drei Sekunden Gegenwart” heißt das aktuelle Programm des Solokabarettisten Claus von Wagner. In Hammelburg wurden aus den drei Sekunden fast drei Stunden, rechnet man die Pause mit. Über 200 Zuhörer waren restlos begeistert und spendeten zum Schluss tosenden Applaus.

Der Verein kulturbunt hatte dazu ins Pfarrzentrum eingeladen. “Kafka on Speed”: In den Mauern des ehemaligen Hammelburger Gefängnisses waren die juristischen Themen bestens aufgehoben. Mit Gerichten aus der Gefängnisküche stimmten die kulturbunt-Frauen das Publikum kulinarisch auf den Kabarettabend passend ein. Es gab Knastanien, essbare Handschellen, Henkersmahlzeiten und Langfinger. — Nein, dieser hoch gewachsene sportliche 33-Jährige aus dem oberbayerischen Miesbach, dessen Eltern aber aus dem Niedersächsischen Celle stammen, war ganz bestimmt kein Langweiler. Seinen Auftritt begann von Wagner mitten im Saal – ganz in Tuchfühlung mit seinen Zuhörern, bevor er sich mit einem elastischen Sprung unter Auslassung sämtlicher Treppenstufen auf die Bühne schwang. “Hammelburg ist recht übersichtlich”, stellte er von oben fest. Erste Begeisterung kam im Publikum auf.

Waren die Unterthemen dieses Kabarettabends auch so bunt und vielfältig wie die Requisiten auf der zum Dachboden gewordenen Bühne, so ließ von Wagner seinen roten Faden nicht aus seinen Augen.
Die bundesdeutsche Rechtsprechung im Allgemeinen und die kostentreibenden Zivilklagen, an denen sich die Anwälte reich verdienen, im Besonderen trieben bei von Wagner immer neue Blüten. Gern schlüpfte er dabei in die Juristenroben als Kläger, Beklagter, Verteidiger, Staatsanwalt oder Richter. In der Rolle als betroffener Vater, der um das Umgangsrecht mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter sogar mit einem Fahrtenbuch für Kinderwagen kämpft, durchlitt von Wagner überzeugend alle Instanzen.

Neben dem reichlichen Einsatz seines ungeheuer gelenkigen Körpers, gepaart mit einem gewaltigen Spektrum von schauspielreifer Mimik – inklusive Flutlichtlächeln – brillierte von Wagner auch mit einem Feuerwerk von Komik und verschiedenen Dialekten. Als gehörnter Ehemann und getrennt lebender Vater nahm er den geistigen Kampf mit dem neuen Lebenspartner seiner Exfrau auf und errichtete eine Humor-Firewall gegen diesen Heiko. Mit seiner geliebten kleinen Tochter kommunizierte von Wagner einseitig per Videoaufzeichnung, gewissermaßen als elektronisches Tagebuch. Da ließ er die Kasperpuppen tanzen, blickte hinter die gesellschaftlichen Werte und führte sogar den Teufel ad absurdum.

Drei Sekunden: das sei die Gegenwart. So lang nämlich brauche das menschliche Gehirn, um Botschaften zu erkennen, kam von Wagner auf die Politik zu sprechen. Er bedauerte den Weggang von Hessens Regierungspräsidenten Robert Koch, der über 300 Kabarettisten stets sichere Munition lieferte. Auch Bayernchef Horst Seehofer als “freier Radikaler” und Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie in besonderem Maße Vizekanzler und FDP-Vorsitzender Guido Westerwelle bekamen reichlich Seitenhiebe ab. Kritisch äußerte sich von Wagner zu den Wahlen: “Können Drei-Sekunden-Botschaften für die kommenden vier Jahre reichen?”.
Auf der Liste der EU-Wahlkandidaten habe er nur zwei Namen wiedererkannt. Demokratie sei es, wenn man trotzdem wähle. “Ich stehe vor Gericht und der Kapitalismus ist auf freiem Fuß”, ging von Wagner auch auf die Macht des Geldes ein. Banken, die ihre Kugelschreiber festketten, hätten dies mit dem ihnen anvertrauten Geld nicht geschafft.

Die Furcht vor Terroristen, der in Frage stehende Vorrats-Datenspeicher und Funk-Chips für Lebensmittel waren weitere Themen für den drahtigen Kabarettisten. So war auch ein Telefonat mit seinem Joghurt aus dem Kühlschrank möglich.

Aktuelle Tourdaten finden sich auf der Homepage von Claus von Wagner.

Quelle: InFranken.de

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