Wenn fremde Väter für immer gehen

Folgenden Text schrieb eine Tochter an ihren unbekannten verstorbenen Vater zur Beerdigung.

Gestern wurdest du verbrannt. Vorab musste ich einer Urnensammelbestattung zustimmen und dass beim Gedenkgottesdienst dein Name genannt wird.
Ich tat es per Fax.

Per Fax…

Als du meine Mutter kennen lerntest, warst du jung, gut aussehend, ein Charmeur und Herzensbrecher. — Sie hat sich sofort in dich verliebt und konnte dir kaum widerstehen. Schön war eure junge Liebe, heftig und leidenschaftlich.

Deine Familie hat sie gewarnt. Gewarnt vor dir, deiner Haltlosigkeit, deiner Arbeitsunlust und deiner Unzuverlässigkeit. Wer liebt, hört auf sein Herz und nachdem ich gezeugt wurde, habt ihr geheiratet.

Dir wurden morgens deine Brote für die Arbeit geschmiert und irgendwann fiel es auf, dass du deine Arbeitszeit auf Parkbänken verbracht hast. Es kam kein Geld nach Hause. Zur Hochzeit ließ sich meine Mutter die Sozialversicherung auszahlen. Du hast das Geld gesucht, gefunden und vertrunken und deine Zeit mit anderen Frauen verbracht. Dann blieb euch noch das Stillgeld, das sie bezog.
Ihr habt schnell euer Glück verloren. Verbitterung zog auf, bei einem Versöhnungsversuch wurde mein Bruder gezeugt. Die Liebe kam nicht wieder, die Probleme blieben und bei einem Streit hast du sie über das Treppengeländer gedrückt und sie gewürgt. Sie war schwanger mit eurem zweiten Kind.

Die Scheidung fand wenige Tage vor der Geburt meines Bruders statt. Ich war ein Jahr alt.

Meine Mutter, mein Bruder und ich besuchten häufig deine Eltern, zu denen sie noch viele Jahre Kontakt hatte.
Du warst verschwunden, untergetaucht und hast dich weder gemeldet noch Unterhalt gezahlt.
Ab und zu kam die Polizei bei uns vorbei. Ich habe es damals nicht verstanden.

Deine Familie, Freunde und Nachbarn halfen uns, wo sie konnten. Sie gaben meiner Mutter ein Stück Garten, wo sie das Gemüse für uns anbauen konnte. Wenn wir mittags schliefen, putzte sie für andere Leute den Flur und Nachbarn hielten während dessen ein Auge auf uns. Sie hat viel Unterstützung erfahren in der Zeit, viele Gemeinsamkeiten, Freundschaften für’s Leben wurden geschlossen.
Erst Jahre später traf sie ihren zweiten Mann und wir Kinder bekamen einen Vater.

Als ich meinen Mann kennen lernte, habe ich von seinen Bekannten von dir erfahren, dass sie dich kennen, wie du lebst und du irgendwo in der Nachbarstadt bei einer Frau wohnst. Wir haben uns ein einziges Mal getroffen und ich durfte niemandem davon erzählen. Danach brach unsere Verbindung wieder ab.

Dann kam der Brief mit der Mitteilung über deinen Tod. Ohne festen Wohnsitz, gestorben in einem Krankenhaus. Wo du vorher gelebt hast, weiß ich nicht.

Ich kenne dich nicht. Wer du bist, weiß ich nicht und auch nicht, warum du so bist, wie du bist, warum eure Ehe nicht funktionieren konnte und wo das Scheitern anfing. Ich weiß nur um die Scham meiner Mutter, um ihre Enttäuschung, ihre Verbitterung und ihr Schuldgefühl, weil ihre Kinder ohne Vater aufwachsen mussten.

Vielleicht hättest du uns gerne kennen gelernt und eine Familie gehabt. Eine Tochter, einen Sohn und du hättest uns aufwachsen sehen. Vielleicht wärst du mir ein toller Vater gewesen, nach dem ich mich immer gesehnt habe. Vielleicht hättest du mit deinem Sohn gerne Fußball gespielt und ihm die Welt gezeigt.

Vielleicht konntest du nur nicht.

Mir ist es ein Anliegen, mich von dir zu verabschieden.

Es ist, wie es ist ….

Quelle: Rheinische-Post

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