Streit um das Sorgerecht eskaliert in Gewalttat

Nürtingen. Die Polizei sollte nach einem Urteil des Amtsgerichts drei Kinder von einer Familie abholen. Von Ulrich Stolte. Eine Polizistin ist noch krankgeschrieben. Sie war zusammen mit drei anderen Kollegen am Dienstag in der Nürtinger Alleenstraße von einer Mutter und ihrer 16-jährigen Tochter angegriffen worden.

Die Mutter sollte auf gerichtliche Anweisung ihre drei kleineren Kinder dem Jugendamt übergeben. Laut dem Polizeipressesprecher Michael Schaal waren zunächst nur zwei Beamte vor Ort. — Die Polizei hatte nicht damit gerechnet, überhaupt jemanden in der Wohnung anzutreffen. Sie glaubte, die Familie hätte sich längst ins Ausland abgesetzt. Als sich die Wohnungstür doch öffnete, seien sie völlig unvermittelt angegriffen worden. Nachdem ein Polizist mit einer Spiegelscherbe verletzt wurde, forderte die Streife Verstärkung an. Als die Beamten zu viert in die Wohnung eindrangen, widersetzten sich die Mutter und Tochter abermals: Dabei bekam die Polizistin einen Fußtritt ins Gesicht, als sie während des Handgemenges am Boden lag.

Dass Eltern das Sorgerecht entzogen wird, bezeichnet eine Sprecherin des Nürtinger Amtsgerichtes als “alleräußerste Maßnahme”. Zuvor gebe es meist eine sehr lange Geschichte. Wenn Kinder beispielsweise im Kindergarten auffielen, weil sie vernachlässigt werden, schalte sich das Jugendamt ein. Es versuche, gemeinsam mit den Eltern Abhilfe zu schaffen. Oft werde ein Familienhelfer bestellt, manchmal würden die Kinder auch in eine Tageseinrichtung untergebracht. Meist kommt dies nach den Erfahrungen des Nürtinger Amtsgerichts durch eine psychische Krankheit der Eltern oder Drogen- und Alkoholprobleme. “Wir versuchen, die Kinder so lange wie möglich bei den Eltern zu lassen”, sagt die Gerichtssprecherin.

Tritt keine Besserung ein und ist auch keine in Sicht, dann kann das Amtsgericht das Sorgerecht zugunsten einer Vormundschaft des Jugendamts entziehen, jedoch erst, nachdem verschiedene Gutachter eingeschaltet wurden. Kleine Kinder kommen in eine Pflegefamilie, größere in ein Heim. Etwa drei solcher Fälle hat das Amtsgericht pro Jahr. Meist würden die Kinder gleich im Gerichtssaal dem Jugendamt übergeben. Dass tatsächlich die Polizei eingreife, sei eine absolute Ausnahme, so die Sprecherin. Sie will aber zum konkreten Fall in Nürtingen keine Auskünfte geben.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten

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