Eltern behindern psychische Reifung

Der Kinder- und Jugendpsychiater, Michael Winterhoff,  warnt:  Immer mehr Eltern behandeln ihre Kinder nicht mehr wie Kinder. Der intuitive Umgang sei vielfach verloren gegangen, die Kinder könnten psychisch nicht mehr reifen.
Selbst in Schulen würden Kinder oft durch partnerschaftliche Konzepte total überfordert. Michael Winterhoff  schrieb den umstrittenen Bestseller “Warum unsere Kinder Tyrannen werden”. Hier in einem interressanten Interwiew mit dem Fernsehsender n-tv.

Können Sie kurz erklären, was unsere Kinder zu Tyrannen macht?
Michael Winterhoff: Erst einmal muss ich klar stellen, dass ich keinen Erziehungsratgeber verfasst habe, sondern aus meiner Sicht als Kinder- und Jugendpsychiater eine Analyse erstellt habe, die sich mit den Ursachen beschäftigt, warum immer mehr Kindern psychisch unreif sind. Um diese verständlich rüberzubringen, habe ich viele Beispiele aus dem Alltag eingebaut. Meine Analyse hat ergeben, dass es derzeit insgesamt vier Möglichkeiten gibt, mit Kindern umzugehen. Die vier bezeichne ich als Erwachsenen-Kind-Konzept, als Konzept der Partnerschaftlichkeit, der Projektion und der Symbiose. Beim ersten Konzept handeln Sie als Erwachsener aus Ihrer Intuition heraus. In diesem Konzept kämen Sie gar nicht auf die Idee, einen Erziehungsratgeber oder ähnliches zu lesen, weil Ihre Handlungen aus Ihnen heraus kommen. Dieses Konzept bietet Kindern tatsächlich die Möglichkeit, ihre Psyche zu entwickeln.

Was ist mit den anderen drei Konzepten?

Das Konzept der Partnerschaftlichkeit ist für die Entwicklung der Psyche des Kindes unangebracht, aber in der Gegenwart sehr modern. Dieses Konzept ist Anfang der 90er Jahre in wohlhabenden Familien entstanden. In diesem Konzept herrscht die Meinung vor, dass man über Reden und Erklären erziehen könnte. Sie setzen also etwas voraus, was gar nicht geht. Außerdem befinden Sie sich als Erwachsener andauernd im Kopf und sind somit von Ihrer Intuition in Bezug auf das Kind abgeschnitten. Eine Reifeentwicklung beim Kind ist mit diesem Konzept nicht möglich. Oder können Sie Tennis spielen lernen, indem es Ihnen erklärt wird? Ein anderes Beispiel dafür ist ein Säugling, der schreit. Sie als Mutter können diesen in den ersten Monaten nicht warten lassen, denn sonst bekommen Sie eine Schweißattacke. Nach acht oder neun Monaten hingegen haben die meisten Mütter das Gefühl, jetzt ist es gut, jetzt kann das Kind auch mal warten. Aus diesem Gefühl heraus lässt die Mutter das Kind einfach ein wenig warten. Die Mutter hingegen, die im Kopf ist, denkt: “Der ist doch noch so klein, den wolltest Du doch haben”, also wird er sofort gestillt und bekommt die Befriedigung, nach der er verlangt hat. Und genau da liegt das Problem. Das Kind wird daran gehindert, sich psychisch zu entwickeln.

Wie verhält es sich bei der Projektion?

Die Projektion ist ein weiteres Konzept, bei dem das Kind die gesunde Entwicklung der Psyche verwehrt wird. Dieses Konzept kann ich seit Mitte der 90er beobachten. Mit Projektion ist gemeint, dass Eltern, aber auch Lehrer oder Erzieher geliebt werden wollen. Kinder allerdings lieben ihre Eltern automatisch. Das sehe ich selbst nach Misshandlungen. Das Problem ist jedoch, dass bei diesem Konzept eine Abhängigkeit entsteht. In dem Augenblick, in dem ich geliebt werden will, kann ich nicht mehr Nein sagen.

Und was verstehen Sie unter Symbiose?

Seit 2002 ungefähr sehe ich die Symbiosen. Die Eltern, die in der Symbiose stecken, verarbeiten psychisch ihre Kinder so, als seien diese ein Teil ihrer selbst. Damit reagieren diese Erwachsenen, von außen betrachtet, permanent falsch. Ein Beispiel dafür ist: Ich fordere mein Kind auf, das Papier aufzuheben, das es gerade auf den Boden geworfen hat. Das Kind antwortet mit einem Nein und macht es nicht. Im Erwachsenen-Kind-Konzept werte ich das Verhalten des Kindes mir gegenüber und empfinde das Verhalten als frech. Ich möchte nicht, dass jemand zu mir frech ist, schicke deshalb das Kind auf sein Zimmer und hebe selbst das Papier auf. In der Symbiose dagegen ist das aber ein Teil von mir, zum Beispiel wie mein Arm, der den Auftrag jetzt nicht erledigt. Nun versuchen Eltern, die in Symbiose mit ihren Kindern leben, alles, um das Kind dazu zu bewegen, das Papier aufzuheben. Zunächst fangen diese Eltern an zu reden. Da das meistens nicht viel hilft, fangen sie an sich aufzuregen, dem Kind zu drohen, das Kind abzustrafen und im schlimmsten Fall zu schlagen. Sie gehen damit in Machtkämpfe, die sie nicht gewinnen können. Druck ist Zuwendung, sie produzieren den Trotz und das Kind nimmt sie nicht für voll.

Wie kommen Eltern denn wieder in die Intuition?

Eine Entwicklung der Psyche des Kindes ist nur möglich im Erwachsenen-Kind-Konzept, dafür benötigen sie die Intuition. Diese ist bei allen drei anderen Konzepten nicht verloren gegangen, sondern wird von anderen Dingen überlappt. In die Intuition kommen Eltern dann, wenn sie sich bewusst machen, dass es Fehlkonzepte gibt, die nicht zu einer gesunden Entwicklung der Kinder führen und ich diese Konzepte verlassen muss.

Wie kann ich feststellen, dass ich im falschen Konzept bin?

Ein einfaches Beispiel kann Auskunft geben: Ich möchte als Elternteil das Kinderzimmer staubsaugen und fordere mein achtjähriges Kind dazu auf, vorher das Zimmer aufzuräumen und Platz zu schaffen. Wenn ich das Kind als Kind sehe, ist ganz klar, dass ich diese Leistung immer abverlange, weil das Kind ja etwas für mich macht. Wenn ich das Kind als Partner sehe, erwarte ich, dass das Kind nach ungefähr zehn Mal begriffen hat, dass es das Zimmer aufzuräumen hat, schon wenn ich mir den Staubsauger hole. Wenn ich in der Projektion bin, sagt das Kind, “ach Mama, ich habe heute keine Lust”, dann sage ich, “ist in Ordnung, kannst morgen aufräumen”, weil ich Angst habe, dass es mich sonst nicht mehr mag. Und wenn ich in einer Symbiose lebe, räume ich entweder für das Kind auf oder versuche das Kind zu zwingen, wenn es nicht aufräumt. Wenn ich selbst erkenne, ich bin im falschen Konzept, muss ich bewusst dieses verlassen und zurück in die Intuition gehen.

Der Konzeptwechsel hört sich jetzt relativ einfach an. Ist es denn wirklich so einfach, das vielleicht viele Jahre gelebte Konzept zu verlassen?

Nein, ist es nicht. Aus der Partnerschaftlichkeit oder der Projektion zu kommen, ist noch relativ einfach. Eltern, die sich mit dem Verhältnis zu ihrem Kind beschäftigen, sehen schnell ein, dass sie mit ihrem Konzept die psychische Reife ihrer Kinder gefährden und können oftmals mit viel Übung ihr Konzept allmählich verlassen. Eltern jedoch, die in der Symbiose feststecken, haben es schwerer, diese zu verlassen.

Benötigen diese Eltern die Hilfe eines Experten?

Das wäre wünschenswert.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Elterngeneration, die heute das falsche Konzept mit ihren Kindern lebt, psychisch gereift sei. Was gibt es für Gründe, dass diese Generation nicht mehr intuitiv mit ihren Kindern umgeht?

Diese Eltern gehen ja nicht bewusst aus ihrer Intuition. Sie gehen einfach in ein falsches Konzept. Sobald sie jedoch in einem dieser Fehlkonzepte sind, sind sie nicht mehr in der Intuition und das Kind kann psychisch nicht reifen. Einerseits ist der Wohlstand in der Gesellschaft ein Aspekt, mit dem sich diese Veränderung erklären lässt. Eltern können ihren Kindern einen viel größeren Freiraum bieten und sich aus ökonomischen Gründen viel intensiver um ihre Nachkommen kümmern als früher. Zudem ist das Konzept der Partnerschaftlichkeit in bestimmten sozialen Schichten sehr angesagt, weil es einen Aspekt von Großzügigkeit enthält. Allerdings betreffen diese Veränderungen nicht nur die Eltern selbst. Die Partnerschaftlichkeit greift auch in Kindergärten und Grundschulen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise haben einige Lehrer die Vorstellung, die Kinder arbeiten für sich. Der Lehrer agiert nur noch als Mentor im Hintergrund und die Kinder sollen sich frei bedienen. In so einer Situation sind Kinder total überfordert. Hinter solchen Konzepten stehen Menschen, die die Kinder stark verpartnerschaftlichen und, grob gesagt, keine Ahnung von Entwicklungspsychologie haben.

Was sollen Kinder denn lernen?

Das Kind soll mal so lebenstüchtig werden wie Sie und ich. Unsere Psychen sind relativ gleich aufgebaut, das heißt, während ich mit Ihnen telefoniere ist es egal, ob ich Hunger oder Durst habe, ob ich Lust auf dieses Telefonat habe oder nicht. Es ist auch egal, was ich gestern erlebt habe oder ob ich gut geschlafen habe. In diesem Interview ist das, was ich sage, der geringste Teil. Dahinter verbirgt sich ein riesiger Apparat, der mein Verhalten während des Gesprächs steuert. Der Apparat ist die Psyche, die sich nicht automatisch bildet oder vererbt wird. Diese Psyche kann sich nur entwickeln, wenn sich Erwachsene dem Kind gegenüber richtig verhalten.

Was genau verbirgt sich denn hinter psychischer Reife?

Das Erste, was das Gehirn erkennt, sind Abläufe. Erst das, dann das, dann das, usw. Das Wickeln oder das Baden zum Beispiel laufen im Prinzip immer gleich ab. Auch das Anziehen mit drei bis vier Jahren hat immer wiederkehrende Aspekte. Kleine Kinder brauchen immer gleiche Abläufe, die mit einer gewissen Ruhe vonstatten gehen. Nur so kann das Gehirn erkennen, dass es Folgen gibt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Sie im Erwachsenenalter die Fähigkeit erlangen, schnelle Folgen im Alltag zu bewältigen. Das bedeutet, Menschen mit gereiften Psychen können Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen. Die Abläufe sind allerdings nur ein Baustein für die Entwicklung der Psyche. Zuerst erkennt das Gehirn Abläufe, dann Gegenstände und Menschen. Ein Mensch verhält sich ganz anders als ein Gegenstand. Kinder müssen einfach erleben, dass sie nicht dran sind, wenn sich Erwachsene in einem Gespräch befinden. Nur so hat ein Kind die Möglichkeit zu erkennen, mein Elternteil ist ein Mensch und kein Gegenstand, der sich steuern bzw. verschieben lässt. Solche Dinge werden von Eltern geleistet, die sich in Bezug auf ihre Kinder in der Intuition befinden.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass eine fehlende Reifeentwicklung den Fortbestand einer ganzen Gesellschaft kosten könnte. Könne Sie das erklären?

Das ist richtig. Jeder zweite Schulabgänger in Deutschland beispielsweise ist nicht ausbildungsreif. Dahinter steckt eine nicht gebildete Psyche. Ich habe in einer Schreinerei Bewerber gesehen, die nicht in der Lage waren auszurechnen, wie viel Quadratmeter eine Tischplatte von 1 mal 2,50 Meter hat. Das war weder böser Wille noch Unfähigkeit, denn alle Bewerber waren in der Schule und haben diese Berechnungen irgendwann gelernt, aber weder abgespeichert noch ausreichend geübt. Die Psyche der Bewerber ist ähnlich der eines kleinen Kindes. Sie ist auf Lust und Spaß programmiert. So muss man sich nicht wundern, dass die Bewerber die Anforderungen nicht erfüllen können. Ausbilder klagen, dass es den meisten Bewerbern und Auszubildenden an Arbeitshaltung, Erkennen von Strukturen, Pünktlichkeit, etc. mangelt. Alles das liegt an der fehlenden Reifeentwicklung, nicht an der fehlenden Erziehung.

Was wünschen Sie sich persönlich von den Eltern?

In unserer heutigen Zeit ist es immer schwerer Eltern zu sein. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Ein wichtiger Grund ist die Gesellschaft, in der wir leben. Wir werden permanent mit Negativnachrichten überhäuft und einer Informationsflut, die uns unfähig macht, herauszufinden, was gut und was schlecht ist. Ich wünsche mir, dass Eltern einen Weg finden, zu sich und zur Ruhe zu kommen. Erst dann können sie auch wieder sehen, dass es ein Geschenk ist, Kinder zu haben. Eltern sollen sich frei machen von dem inneren Stress, noch dies und jenes machen zu müssen. Sie sollten sich ganz bewusst Zeit nehmen und diese mit ihren Kindern verbringen. Sie sollten sich auch ganz bewusst vor Aktionismus schützen und vor Elektronik. Eltern sollten sich einfach entscheiden, am Abend weder mit dem Telefon noch mit Fernseher oder Computer zu hantieren. Sie sollten eine innere Stabilität und einen Sinn finden, um sagen zu können, “ich kümmere mich jetzt ganz bewusst um meine Kinder”, damit diese die Möglichkeit haben, sich gesund zu entwickeln.

Quelle: n-tv

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