Wie Kinder eine Scheidung erleben

TrennungAlterstypische Reaktionen von Kindern auf die Trennung der Eltern.
Trennung und Scheidung der Eltern erleben Kinder individuell unterschiedlich. Reaktionen wie Angst, Schuldgefühle, Zorn sind jedoch typisch für ein bestimmtes Alter.

Das Verhalten von Kindern bei einer Trennung oder Scheidung der Eltern ist abhängig von vielen Faktoren und lässt sich in keinster Weise verallgemeinern.

Trotz aller individuellen Unterschiede lassen sich jedoch alterstypische Reaktionen festmachen, die bei Kindern häufig zu beobachten sind.  — Wenn Eltern sich trennen, sind sie meist sehr intensiv auf ihre eigenen Emotionen und Problemen konzentriert. Die wütenden, verletzten oder aggressiven Gefühle gegenüber dem Ex-Partner werden besonders vom verlassenen Partner sehr subjektiv erlebt.

Zum anderen haben Eltern Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern, die nun mit der Trennung konfrontiert werden. Besonders für den Partner, der die Rolle des Verlassenen innehat, richtet sich die Schuldzuweisung gegen den, der die Trennung ausgelöst hat, und somit das Kind in diese Situation gebracht hat.

Es fällt Eltern deshalb meist sehr schwer, die Reaktionen der Kinder objektiv wahrzunehmen. Häufig sind sie nicht in der Lage, die Probleme ihres Kindes zu erkennen und erst recht nicht, sie zu lösen.

Das Kind im Kleinkindalter zeigt vielfach ein resignatives Verhalten – es nimmt alles schicksalsergeben hin. Sein natürliches Bedürfnis, aus dem – bis dahin Schutz und Sicherheit spendenden – Schoß der Familie heraus die Welt zu erobern, nimmt rapide ab. Stattdessen zieht es sich häufig in sich selbst zurück.

Auf die veränderte Situation, auf den Verlust von Nähe und Geborgenheit reagiert es mit diffusen Ängsten. Hauptsächlich hat es Angst davor, verlassen zu werden und reagiert mit einem verstärkten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und körperlicher Zuwendung.

Dies kann sich durchaus auch in aggressivem Verhalten oder unvermittelten, heftigen Trotzanfällen äußern. Auch Entwicklungsrückschritte wie Wiedereinnässen oder Mutismus sind üblich.

Das Kind im Kindergartenalter erlebt sich als Mittelpunkt der Welt. Daher kann es Ereignisse nicht als unabhängig von sich selbst wahrnehmen. Es neigt dazu, sich an der Trennung der Eltern schuldig zu fühlen.

Mädchen und Jungen reagieren dabei unterschiedlich.

Auch wenn Kinder auf die Trennungssituation unterschiedlich reagieren, lässt sich eine gewisse Typisierung erkennen: Jungen zeigen häufig Verhaltensauffälligkeiten, Mädchen reagieren eher angepasst, ihr Verhalten wird deshalb nicht als „störend“ erlebt, sondern eher als unauffällig. Es hat den Anschein, als ob Mädchen die Scheidung „recht gut verkraften“, der Leidensdruck wird oft unterschätzt.

Abgesehen von diesen geschlechtstypischen Reaktionen gibt es typische Verhaltensweisen verschiedener Altersgruppen:

Ausgeprägte Verlustängste bei jüngeren Kindern

Sehr kleine Kinder reagieren häufig ängstlich, aggressiv oder irritiert, da sie die Trennung nicht einordnen können. Ein Familienteil ist einfach „weg“. Nicht selten stellt man Rückfälle in der Entwicklung fest: z.B. Einnässen, oder Rückläufigkeit der Sprachentwicklung, also eine ähnliche Reaktion, wie wenn ein Baby in die Familie hineingeboren wird. Das Kind flüchtet sich instinktiv in die Rolle eines schutzbedürftigen Babys.

Die Folge ist oft überangepasstes Verhalten im Zusammenhang mit psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen, Bauchschmerzen oder Bettnässen. Oder es beginnt, wieder am Daumen zu nuckeln. Diese – unbewussten – Reaktionen dienen lediglich dem einen Zweck, nämlich die Eltern auf sich aufmerksam bzw. die Trennung wieder rückgängig zu machen.

Die Angst, dass nun auch der andere Elternteil es verlassen könnte, ist sehr ausgeprägt. Daher klammert es sich oft verzweifelt an diesen „übrig gebliebenen“ Elternteil.

Kindergartenkinder nehmen die Situation der Trauer und des Verlassenseins bewusster wahr. Sie verlangen häufig nach dem fehlenden Elternteil. Aber auch sie können die familiäre Situation nicht recht einordnen und suchen die Schuld bei sich selbst. Je stärker die Kinder in Streitigkeiten der Eltern hineingezogen werden, umso intensiver ist ihr Schuldgefühl.

Ältere Kinder: Widerspruch zwischen Vernunft und Gefühl

Schulkinder haben meist schon dauerhafte Abschiede erlebt und erfassen die Trennung verstandesmäßig besser. Jedoch die Gefühle sind da und sie machen hilflos und zornig. Die Kinder schämen sich häufig vor anderen für die familiäre Veränderung, vor allem vor Spiel- und Klassenkameraden. Nicht selten macht sich ein Nachlassen der Schulleistungen bemerkbar. In manchen Situationen verhalten sich die Kinder auffälliger als vorher, beispielsweise, indem sie häufiger streiten, sich zurückziehen oder in Tränen ausbrechen.

Ältere Kinder sind nicht mehr ganz so emotional geprägt. Sie denken über vieles nach und reflektieren intensiver eigenes und fremdes Handeln. Sie konzentrieren sich in der Situation nicht nur auf sich, sondern machen sich auch Sorgen um Eltern. Oft erleben sie die elterlichen Konflikte von beiden Seiten. Sie übernehmen teilweise Verantwortung für Dinge, für die sie zu jung sind. Nicht selten wird ihr Verhalten als „unauffällig“ wahrgenommen. Eigene Interessen sowie die Kontakte zu Freunden kommen oft zu kurz.

Jugendliche neigen oft zu widersprüchlichem Verhalten. Einerseits sind sie in der Lage, die Beziehungsprobleme nachvollziehen und gehen auf die Elternteile ein, andererseits zeigen sie gelegentlich heftige emotionale Reaktionen. Zum einen unterliegen sie durch die Pubertät dem natürlichen Wunsch nach Ablösung, andererseits sehnen sie sich nach intakter Familie. Geborgenheit und Halt.

Durch diese Widersprüchlichkeit kann der alterstypische Ablösungsprozess gehemmt oder abrupt beschleunigt werden.

Kindliche Reaktionen verstehen

Kinder, die in dieser Lebensphase die Scheidung miterleben, übernehmen häufig sehr viel Verantwortung und werden früh erwachsen. Meist müssen sie sich in diesem Alter selbst für einen Elternteil entscheiden, bei dem sie leben möchten. Sie sind aber damit überfordert, da sie diese Entscheidung gar nicht fällen möchten. In diesem Alter finden am häufigsten Wechsel der Hauptbezugsperson statt.

All diese Reaktionen sind keine „Störungen“ sondern deutliche Signale kindlicher Bedürfnisse. Sie sind Ausdruck des Bemühens, mit der veränderten Situation fertig zu werden. Sie können also im gewissen Sinn als normale Reaktion auf eine schwierige Situation gesehen werden.

Das Kind im Grundschulalter beginnt, seine Eltern besser zu verstehen. Und es fühlt sich hin- und hergerissen. Es bemüht sich sehr, es allen recht zu machen. Eine schier unlösbare Aufgabe.

Die Erfahrung, dass es nur sehr wenig Einfluss auf das Geschehen nehmen kann, ist ein immenses Frustrationserlebnis. Zorn, tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit bis hin zur kindlichen Depressionen sind die Folgen.

So ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Leistungen in der Schule nachlassen.

Das etwas ältere Kind zwischen 9 und 12 Jahren sorgt sich oft sehr um beide Eltern und übernimmt freiwillig Verantwortung für Aufgaben, denen es noch nicht wirklich gewachsen ist.

So übernimmt es beispielsweise unangemessene Pflichten im Haushalt wie Kochen und Bügeln. Oder es versorgt und betreut das jüngere Geschwisterchen.

Kontakte zu Gleichaltrigen und altersgerechte Interessen bleiben dabei auf der Strecke.

Kinder und Jugendliche in der Pubertät beginnen, eigene Werte und Normen zu entwickeln, ein eigenständiges Urteil zu fällen über das, was Gut und was Böse ist. Bei dieser Selbstfindung sind sie in besonderem Maße angewiesen auf die Begleitung der Eltern – sie wollen sich reiben können an deren Einstellungen und Meinungen.

Sie erleben ihre Eltern im Trennungsgeschehen jedoch oftmals als untreu ihren eigenen Vorsätzen gegenüber.
Das verunsichert sie maßlos.

Sie reagieren darauf mit Parteinahme für den – vermeintlich – schwächeren Elternteil und verfolgen den anderen mit auffallendem Zorn. Oft geht die Solidarität mit einem Elternteil aber auch mit heftigen Schuldgefühlen gegenüber dem anderen einher.

Diese Ambivalenz kann sich auch negativ auf außerfamiliäre Kontakte auswirken und auf längere Sicht zu schwerwiegenden Beziehungsproblemen führen. Ältere Jugendliche können selbständiger urteilen und sind in der Lage, sich konstruktiv an der Lösung praktischer Probleme zu beteiligen. Dennoch kann die elterliche Trennung dazu führen, die altersübliche Ablösung vom Elternhaus zu erschweren oder gar zu verhindern. Sie kann aber auch eine sehr abrupte und konfliktreiche Loslösung provozieren. Unabhängig vom Alter reagieren Jungen und Mädchen generell unterschiedlich auf Trennung und Scheidung der Eltern.
Während sich Jungen eher ruppig und aggressiv verhalten, wirken Mädchen häufig „vernünftiger“ und sind mehr in sich gekehrt.

Quelle: Trennung Scheidung Suite 101

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