Vater rastete aus Sorge um seinen Sohn vor dem Amtsgericht aus

Ein geschiedener Vater führt seit Jahren einen erbitterten Kampf um das Umgangsrecht mit seinem Sohn. Beim Besuch einer Rechtsanwältin im Januar 2009 nahm er dieser in deren Kanzleiräumen gewaltsam seine vom Amtsgericht beigezogenen Familienakten weg. Am 08.06.2010  stand der 44-Jährige nun wegen räuberischen Diebstahls vor dem Schöffengericht. Bei dem Angeklagten Vater handelt es sich um einen frühpensionierten Kriminalhauptkommissar, der 25 Jahre im Dienst der örtlichen Polizei stand.
»Was muss dieser Mann durchgemacht haben?«, fragt man sich während des gut zweistündigen Prozesses, der mit 30-minütiger Verspätung beginnt – weil sich sein Mandant nicht ins Gericht traue, erklärt Verteidiger Franz Heinz. Richterin Heike Klotzbücher geht daraufhin zum Eingang, um auf den verstörten Angeklagten beschwichtigend einzureden, der wie ein Rohrspatz schimpft. Auch ein Krankenwagen wird gerufen. Es könnte sein, dass Hans M. (Name geändert) einen Nervenzusammenbruch hat. Doch der Arzt erklärt ihn für verhandlungsfähig.
Im Sitzungssaal wird schnell klar: Dieser Mann ist psychisch stark angegriffen. Zunächst faucht er die Journalisten an. Dann stellt er sich als »entsorgter Vater« vor, »der mit Vehemenz sein Kind sehen will«. Auf der Anklagebank will er nicht sitzen, sondern stehen bleiben. »Ich erkenne das Gericht nicht an!«, erklärt er und fügt hinzu: »Kasperltheater, Kinderkacke, Pillepalle«, wobei er der Richterin und den Schöffen seinen Rücken zuwendet. In der Hauptverhandlung, so viel ist klar, wird er nun öfters stören. Die Richterin bleibt weitgehend geduldig.
Als der Verteidiger etwas zum Hintergrund des Falles erläutern will, rastet Hans M. schon bei dem Wort »Besuchsrecht« aus. »Ich bin ein Vater und kein Onkel, der Besuche macht!« Es kristallisiert sich dann heraus, dass Hans M. zu keiner Zeit vorhatte, besagte Akten zu stehlen oder gar zu vernichten. Vielmehr habe sein Mandant die Ordnerinhalte kopieren wollen und ihm die Originale nach wenigen Tagen gebracht, woraufhin der Verteidiger die »beraubte« Anwältin kontaktierte und die Akten vollständig ans Gericht zurückgelangten.

Im Zeugenstand schilderte die Juristin (50), es sei nur zu einem kurzen Gerangel und einem Schubser gekommen. Dann habe der Mann noch einen Blumentopf zertrümmert, bevor er mit den Dokumenten verschwand. Verletzt worden sei sie kaum. In einem Brief hatte sich M. später bei der Advokatin entschuldigt. Für den Anwalt war dies der klassische Fall für eine Verfahrenseinstellung, nicht aber für den Staatsanwalt. Der stimmte jedoch mit dem Gericht darin überein, dass hier Nötigung, Körperverletzung und Sachbeschädigung die einschlägigen Delikte seien. Am Ende wurde Hans M. zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 30 Euro (1800 Euro) verurteilt.

Rundumschlag im letzten Wort

Während der Urteilsbegründung musste der Angeklagte zeitweise vor der Tür warten, weil er durch seine Zwischenrufe zu sehr gestört hatte. Dabei hatten die Richter Hans M. fast 30 Minuten für sein letztes Wort gewährt. Diese Zeit nutzte M. für einen Rundumschlag: Seine Ex-Frau schade seinem geliebten Sohn (7) und habe es letztlich nur auf seine Pension abgesehen. Er selbst lebe heute von 950 Euro. Seit seiner Scheidung vor sechs Jahren leide er unter der Umgangsverweigerung durch seine Ex, unter dem Achselzucken der Justiz und der Abzocke seiner Scheidungsanwälte. Unterstützung erfahre er aber von Freunden und anderen betroffenen Vätern. Sogar Justizministerin Beate Merk habe ihm auf ein Schreiben hin Glück gewünscht, seinen Sohn bald wiedersehen zu dürfen.

Quelle: Nürnberger Zeitung

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