Erziehungsberatung: Scheidung ist nicht alles

Was ist Mediation?Münster – 642 Ehescheidungen, 445 betroffene Kinder. Die 2009er-Zahlen haben Sigrid Müller-Groll einen Moment beeindruckt. Aber dann stellt die Leiterin der Trialog-Beratungsstelle an der Von-Vincke-Straße nüchtern fest: „Bei jedem dritten Fall, den wir hier erleben, waren die Eltern gar nicht verheiratet.“ Die darf man noch dazurechnen.
Scheidung – das ist längst nicht mehr alles, wenn man mit den Trialog-Mitarbeitern spricht. Sie beraten seit fast 25 Jahren Eltern mit Kindern, die sich trennen. Dabei erleben sie einen Sittenwandel, den man beispielhaft in der großen Politik vorgelebt bekommt. Müller-Groll: „Schröder, Wulff, Fischer – alle geschieden. Wird nicht manchmal der Stoiber belächelt?“ Weil er nur einmal verheiratet ist. — Pädagoge Friedhelm Gerhard kommt aus einem Dorf, in dem Scheidung tabu war: „Das ist heute viel normaler geworden.“ Er hatte gerade eine Trennungs-Familie beraten, bei der die Kinder im Haus blieben, die Eltern in Apartments umzogen. Wechselnd besuchen sie ihren Nachwuchs im „Familiennest“.
Für solche Sonderfälle muss das Geld stimmen. „Oft ist eine Trennung aber aus ökonomischen Gründen gar nicht vorstellbar“, sagt Sigrid Müller-Groll. Dann zieht der Mann ins Souterrain oder auf den Dachboden, rollt sich sein Bett im Wohnzimmer auf.
Andere praktizieren das Prinzip „Rein-Raus“. Gerhard: „Die streiten sich wie die Kesselflicker, aber die wären einsam, wenn sie sich endgültig trennen würden.“ Der Zoff, von außen als unerträglich betrachtet, wird zum „relativ stabilen Muster“.
Ganz innovativ erscheint der Fall, wo die Mutter am Wochenende bei ihrem neuen Freund lebt. Toleranz auf allen Seiten vorausgesetzt.
Den Trialog-Beratern geht es vor allem um die Kinder. Seit auch in Deutschland zunächst grundsätzlich das gemeinsame Sorgerecht gilt, ist hier einiges einfacher geworden. Müller-Groll: „Die Grundidee ist, die Elternschaft bleibt erhalten.“
Es bleiben genügend Probleme. Zum Beispiel „der entsorgte Vater“, dem die Mütter den Umgang mit den Kindern schwermachen. Teilweise mit grotesken Spielarten. Da musste etwa ein Vater erst einmal einen Erste-Hilfe-Kurs nachweisen, ehe ihm seine Ex-Frau die Kinder am Wochenende überließ – Machtspiele.
Wobei die Eltern bei solchen Machtspielen noch aufpassen müssen, dass sie nicht zu Opfern ihrer Kinder werden. Denn das gibt es auch: „Der 16-Jährige, der mitten im Streit mit seiner Mutter seinen Vater anruft und aushandelt, dass er zu ihm zieht.“
Die alte Angst, dass die Kinder Trennungen besonders leidvoll erfahren, trifft nicht mehr immer zu. Gerhard: „Jeder kennt doch in seiner Schule Kinder, denen es ähnlich geht.“ Scheidungskinder sind nicht mehr stigmatisiert.
Oft wundern sich die Berater, wie schnell von Trennung die Rede ist. „Besonders Kinderkriegen ist ein großes Scheidungsrisiko.“ Die traditionellen Muster gelten nicht mehr. „Der Vater will weiterfeiern, die Mutter bleibt zu Hause.“ Bis es kracht.
Der Katzenjammer kommt oft danach. Wenns um Geld geht, den Unterhalt, die neuen Partner. Oder auch die Rituale des Lebens. Müller-­Groll: „Der große Vorteil von Verwandtschaft ist ja, man hat Beziehungen und muss sie sich nicht verdienen.“ Ein Leben ohne sei für viele schwierig.

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