Wenn Mütter zu Monstern werden

Das in Deutschland wenig erforschte Münchhausen- Stellvertreter- Syndrom konfrontiert Kinderärzte, Psychologen und Richter mit ungeahnten Abgründen der menschlichen Seele. Was treibt Mütter dazu, ihre Kinder krankenhausreif zu quälen, um sie danach gesund pflegen zu können?
Es gibt Lügengeschichten, bei denen selbst dem berühmten Baron Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von und zu Münchhausen die Haare zu Berge gestanden hätten: Eine Frau spritzt ihrem Sohn Luft in die Adern, um seinen Aufenthalt im Krankenhaus zu verlängern. Eine Mutter hält ihrem Kind so lange Mund und Nase zu, bis es droht, zu ersticken – um daraufhin dem Arzt zu berichten, der Säugling leide unter akuten Atemstillständen. — Eine ebenso besorgt erscheinende Erziehungsberechtigte bricht ihrer Tochter heimlich Beine und Arme, schlägt mit dem Hammer auf die Bruchstellen und infiziert von ihr hervorgerufene Wunden mit Schmutz. Zusammen mit dem medizinischen Personal wundert sie sich später über ominöse Hämatome und Infektionen am Körper ihres Kindes.Der Horror hat einen Namen: Das Münchhausen- Stellvertreter- Syndrom ist eine ebenso seltene wie erschütternde psychoneurotische Störung, bei der Mütter bei ihren Kindern Krankheitssymptome vortäuschen, künstlich erzeugen oder vorhandene Gesundheitsschäden willentlich verschlimmern. Das Ziel der Mütter scheint es zunächst zu sein, durch die Aufnahme des Kindes ins Krankenhaus und die nachfolgenden zahllose Untersuchungen oder Operationen Aufmerksamkeit zu erlangen, ein Gefühl des Aufgehobenseins und Anerkennung durch die medizinischen Autoritäten zu bekommen. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik werden in Deutschland etwa 40 Prozent der Kindesmisshandlungen von Frauen begangen. Dass die Quote beim “Erweiterten Münchhausen-Syndrom” bei geschätzten 85 bis 98 Prozent liegt, scheint mit einer symptomatischen Abwesenheit der Väter in den Familien der bisher rund 250 beschriebenen Fälle zu tun zu haben. Die Väter haben die Familie verlassen oder sind selten zu Hause. Die Frauen sind häufig medizinisch vorgebildet und zeichnen sich durch eine auffallend aufopferungsvolle Pflege ihres Kindes aus. Sie greifen dem Krankenhauspersonal unter die Arme, übernehmen Pflegeaufgaben und verbringen ganze Nächte am Bett ihrer mutwillig in die Krankheit getriebenen Sprösslinge.

Videoaufnahmen, die der britische Arzt David Southall in Zusammenarbeit mit der Polizei in Fällen von Verdacht auf Kindesmisshandlung machen konnte, bewiesen das Unglaubliche: Die Frauen schreckten auch innerhalb der Klinikräume nicht davor zurück, ihre Kinder weiterhin zu quälen und ihre Symptome zu verstärken. Über einen Zeitraum von acht Jahren konnte Southall mit versteckter Kamera 39 Verdachtsfälle dokumentieren, von denen 33 sich als berechtigt erwiesen. Die Bänder zeigen Grausamkeiten, die selbst die Befürchtungen der Ärzte und Polizisten weit übertrafen.

Dem perversen Erfindungsreichtum beim Hervorrufen der Krankheitsbilder sind dabei offenbar keine Grenzen gesetzt: Ähnlich wie bei dem ursprünglichen Münchhausen-Syndrom, einer so genannten Artefaktkrankheit, bei der die Selbstschädigung – und nicht die Verletzung der Schutzbefohlenen – im Vordergrund steht, gibt es zahllose Möglichkeiten, bestimmte Symptome aktiv zu erzeugen.

Hauterkrankungen, Allergien, Verätzungen oder Abszesse werden mit Hilfe von Säuren, Laugen oder andere schädigende Substanzen hervorgerufen. Die Täterinnen kneten, reiben oder quetschen die Haut, Arme oder Beine so lange bis es zu Blutergüssen und Lymphstauungen kommt. Sie spritzten infizierte Lösungen, Speichel, Spülwasser oder Milch unter die Haut, um Entzündungen und Eiterbildung zu provozieren.

Ist das Kind erst ein mal in der Klinik aufgenommen, fälschen die Frauen häufig die Daten auf den Krankenblättern. Rund ein Drittel der nach außen hin fast immer unauffälligen Täterinnen kommt medizinischen oder paramedizinischen Berufen. Sie manipulieren Fieberthermometer oder treiben die Temperatur des Kindes artifiziell in die Höhe. Ständiges Blutabzapfen oder die Gabe von Arzneien welche die Blutgerinnung hemmen, führt zu unerklärlichen Anämien.

Mit entsprechenden pharmakologischen Kenntnissen sind auch kompliziertere Manipulationen möglich: Die Verabreichung von Schilddrüsenhormonen sorgt für eine künstliche Überfunktion der Schilddrüse, die Gabe von Antidiabetika führt zu Unterzuckerung. Angebliche epileptische Anfälle werden durch Luftabdrücken oder das Überziehen einer Plastiktüte erzeugt, Durchfälle und Erbrechen durch entsprechende Medikamente. Urinproben der Kinder werden mit Kot infiziert oder dem Blut der Mutter vermengt.

Was treibt die Mütter dazu, sich so grausam an ihren Kindern zu vergehen? Auffallend ist, dass die Täterinnen auch bei bewiesenem Missbrauch ihre Schuld vehement leugnen. Weil die aggressive Schädigung des Kindes fast immer einhergeht mit einer gleichzeitig nach außen demonstrierten Freundlichkeit und Besorgtheit, muss man davon ausgehen, dass hier Gefühle massiv abgespalten werden – zwei sich wiedersprechende seelische Zustände existieren parallel, weil sie keinerlei Bezug zueinander haben.

Die Mütter haben in der Regel kein Bewusstsein über die Schwere ihren eigenen Krankheit und sind daher auch für Therapien so gut wie nicht zugänglich. Die Kindesmisshandlung ist immer gefolgt von Verleugnung und Verdrängung. Rund zehn Prozent der Frauen schädigt sich selbst heimlich, die meisten Münchhausen-Patientinnen wurden in ihrer Kindheit selbst physisch und psychisch missbraucht.

Durch die Mitaufnahme in die Klinik scheinen die Frauen ihre Sehnsucht nach pflegerischer und ärztlicher Zuwendung stillen zu können, die dem Missbrauch folgende Pflege der Kinder steigert das Selbstwertgefühl.

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom immer sehr eng. Die Frauen erleben das Kind als Teil ihrer selbst und beschädigen damit in einem gewissen Sinne sich selbst, wenn sie es quälen. Das Kind ist kein eigenständiges Wesen, sondern Objekt. Ein lebensnotwendiges Objekt offenbar, denn bei Entlarvung und dem darauffolgenden Beziehungsabbruch zum Kind kollabieren fast alle Täterinnen, fallen in tiefe Depressionen oder versuchen, sich umzubringen.

Die Folgen des Missbrauchs für die Kinder sind verheerend: Man vermutet, dass zwischen neun und 33 Prozent der Kinder an den Folgen der Misshandlungen sterben. Mindestens zehn Prozent der Geschwister scheinen ebenfalls bedroht zu sein. Schwerste physische und psychische Schäden müssen behandelt werden. Viele der Opfer entwickeln selbst ein Münchhausensyndrom und neigen offenbar zu multiplen Persönlichkeitsstörungen und dissoziativen Störungen wie Gedächtnisverlust oder Halluzinationen.

Es gibt Kinder, die bis ins Erwachsenenalter dem höllischen Kreislauf von manipulierter Krankheit und qualvoller Genesung nicht entkommen. Das Durchschnittsalter der Opfer wird auf Grund der vorliegenden Fallstudien auf dreieinviertel Jahre geschätzt. Die Kleinkinder sind den Müttern also hoffnungslos ausgeliefert und zudem nicht in der Lage, deren Verhalten intellektuell zu interpretieren oder Hilfe bei anderen Menschen zu suchen.

Die Langzeitschäden sind massiv und unübersehbar: Essstörungen, schwerste Depressionen oder Hyperaktivität sind nur ein Teil davon. Durch die häufigen Krankenhausaufenthalte haben die Opfer große Defizite im schulischen und sozialen Bereich. Die Opfer der Münchhausen-Mütter haben verständlicherweise wenig oder gar kein Vertrauen in die eigenen Körperfunktionen – sie lehnen sich selbst ab und haben dadurch auch mit sexuellen Problemen zu kämpfen.

Die Prognosen für die bessere Erkennung und Behandlung des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms sind zudem schlecht: Die Dunkelziffer ist extrem hoch, die Diagnose durch das Krankenhaus-Hopping der Mütter und die Verschwiegenheit oder das Nicht-Merken der Väter, Nachbarn oder Freunde schwierig und fast immer erheblich verzögert. Therapieresistenz oder Verweigerung der Mütter macht es nicht einfacher. Der Versuch, die Kinder möglichst umgehend aus dem Wirkungsbereich der Mutter zu entfernen und ihr das Sorgerecht zu entziehen, ist häufig mit langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen verbunden. Manche Kinder haben das nicht überlebt.

Quelle: Spiegel Online , Wikipaedia

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