Bericht aus dem Familienzentrum – Ferien mit Papa

Patricks Vater ist arbeitslos und geht seit zwei Jahren kaum aus dem Haus. Werden Patricks Ferien ihn herauslocken? Elisabet Cantero erzählt von ihrer Arbeit im Familienzentrum. Ein Bericht von Zeit – Online.

„Papa, hast Du Bonbons?“, ruft der zwölfjährige Patrick hoch zum Balkon.
„Was?“
„Hast du Bonbons?“
„Nee.“
„Hast du Kaugummi?“
„Was?“
„Hast du Kaugummi?“
„Nee.“
„Papa, hast du Geld, hast du 50 Cent?“
Keine Antwort.

„Ach Mensch Papa, du hast ja gar nichts.“

Kopfschüttelnd geht Patrick weiter und kickt einen Sektkorken vor sich her. Es hat ordentlich geknallt hier während der EM. Es war das erste große Ereignis, das Patrick gemeinsam mit seinem Vater im Viertel feierte. Nach langem Bitten und Betteln und Zerren hat Patrick es geschafft, seinen Vater auf den Hof zu holen, wo fast alle Kinder und Väter und viele Mütter aus der Siedlung sich trafen. Patricks Mutter wohnt nicht mehr im Viertel. Sie ist vor einem Jahr ganz ans andere Ende der Stadt gezogen, in die Nähe des Hotels, in dem sie als Zimmermädchen arbeitet für 5,80 Euro die Stunde. Patrick wollte beim Vater bleiben und bei seinen Freunden. Seine Mutter sieht er sonntags. Vielleicht fahren sie in den Ferien ein paar Tage zur Oma.

Zu den Schulfesten kommt der Vater nicht und auch nicht zu den Auftritten vom Spielmannszug, bei dem Patrick die große Trommel spielt.

Der Vater geht nicht gern aus der Wohnung. Er ist seit zwei Jahren arbeitslos.

Samstagmorgens geht er mit Patrick zu Aldi und kauft für die ganze Woche ein. Manchmal hat Patrick keine Lust, den Einkaufswagen zurückzubringen. Er steht dann auf dem Hof herum und dient den Kindern am Wochenende als Fuhrwerk oder, umgestülpt, als Hütte mit Drehantennen. Die Nachbarn haben sich schon darüber beschwert, aber der Vater meint, sie sollen das direkt Patrick sagen, der sei groß genug, sich selbst um seine Sachen zu kümmern.

Auch Patrick findet, die Nachbarn sollen den Vater mal in Ruhe lassen, denn der kann ja schließlich auch nichts dafür.

Nach der Schule geht Patrick immer sofort nach Hause, weil sein Vater nicht möchte, dass er sich auf dem Heimweg herumtreibt. Außerdem wird sonst das Essen kalt, das er gekocht hat. Patrick ist ein guter Schüler und sein Vater ist stolz auf ihn.

Nun beginnen die Ferien und Patrick möchte das ganze Ferienprogramm im Zentrum mitmachen, auch das verlängerte Wochenende auf dem Reiterhof. Zur Anmeldung für das Wochenende muss ein Elternteil persönlich erscheinen. Doch Patricks Vater bringt die Anmeldung nicht vorbei, sondern will, dass sein Sohn das alleine regelt. Als Nora, die zuständige Kollegin für die Ferienplanung, darauf besteht, dass Patricks Vater wie jedes andere Elternteil sein Kind persönlich anmelden muss, erscheint er schließlich.

Es gelingt Nora, Kontakt zu dem schweigsamen und in sich gekehrten Mann zu bekommen, der sich sichtlich unwohl fühlt auf dem Sessel im Beratungsraum. Sie erzählt ihm von Patricks Aktivitäten im Zentrum und von seinem feinfühligen und aufmerksamen Umgang mit den jüngeren Kindern. Sie berichtet über das Maskenbau-Projekt und die gelungene Kreation von Patrick.

Sie lässt nicht aus, wie enttäuscht Patrick war, als sein Vater wieder nicht zur Aufführung erschienen war. Der Vater hebt den Kopf und sagt, er habe die Maske gesehen, sie stehe ja nun in der Wohnung oben im Wohnzimmerregal. Nora erzählt von der Vater-Kind-Gruppe, die sich monatlich am Wochenende trifft. Da sie weiß, dass sich der Vater für Fußball begeistert, schlägt sie vor, dass der Vater mit Patrick zum Fußball-Turnier mit gemischten Vater-Kind-Mannschaften kommt. Neben den Spielern werden auch noch Helfer für den Grill und den Getränkestand gebraucht. Der Vater zeigt sich hilfsbereit und trägt sich in die Liste ein. Hoffentlich hält er seine Zusage ein.

Patrick steht wieder unter dem Balkon, mit seinem Freund Benjamin, den er auf dem Bolzplatz getroffen hat.

„Papa!“

Stille.

„Paapaaa!“

Unwirsches Gebrummel vom Balkon.

„Papa, hast du TicTac?“

„Was?“

„Hast du TicTac?“

„Nee.“

Nun lächelt Patrick breit und reckt den ausgestreckten Zeigefinger zum Balkon, als wolle er den Vater anpieksen.

„Jetzt lügst du, Papa, du lügst. Du hast immer TicTac. Schmeiß runter. Benjamin fängt.“

Erwartungsvolle Stille. Benjamin stellt sich neben Patrick. Sie wollen gerade Schulter zuckend abziehen, da klatscht etwas auf den Rhododendron.

„Oh, Eis, Eis!!“, schreit Patrick begeistert, klaubt zwei Päckchen aus dem Blätterwerk und macht einen kleinen Freudentanz.

„Mensch Papa, du bist der Beste. Bis nachher!“

Quelle: Zeit-Online

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